Geldanlage ab 60: Wie viel Sicherheit braucht Ihr Vermögen im Ruhestand?

Ein Fachbeitrag von Dominik Schwiese

Warum es im Ruhestand nicht nur auf Rendite ankommt – und weshalb eine durchdachte Aufteilung des Vermögens oft wichtiger ist als die Wahl der einzelnen Geldanlage.

 

Stellen Sie sich ein Ehepaar vor. Er ist 64 Jahre alt, sie 62. Beide haben viele Jahre gearbeitet, vernünftig gewirtschaftet und regelmäßig Geld zurückgelegt.

Das Eigenheim ist abbezahlt. Die Kinder stehen längst auf eigenen Beinen. Gemeinsam verfügen sie über rund 450.000 Euro an Ersparnissen.

Ein Teil liegt auf Tages- und Festgeldkonten bei der Sparkasse. Daneben gibt es noch ein Depot bei der Hausbank, einige ältere Fonds und eine Lebensversicherung, die bereits ausgezahlt wurde.

Eigentlich eine komfortable Ausgangssituation.

Und trotzdem beschäftigt die beiden seit einiger Zeit eine Frage:

Ist unser Geld eigentlich richtig angelegt für die nächsten 25 oder 30 Jahre?

In zwei Jahren beginnt der Ruhestand. Die Renten werden die laufenden Ausgaben weitgehend decken. Aber für Reisen, größere Anschaffungen und die schönen Dinge des Lebens möchten sie regelmäßig auf ihr Vermögen zurückgreifen.

Gleichzeitig soll das Geld möglichst lange reichen.

Und genau hier beginnt eine Herausforderung, vor der viele Menschen ab 60 stehen.

Denn während es früher vor allem darum ging, Vermögen aufzubauen, bekommt das Geld im Ruhestand eine andere Aufgabe.

Es soll Sicherheit geben. Es soll Wünsche ermöglichen. Und es soll möglichst lange erhalten bleiben.

Das klingt zunächst einfach. In der Praxis verlangt es jedoch andere Überlegungen als in der Ansparphase.

Mit 60 verändert sich nicht automatisch die richtige Geldanlage

Immer wieder begegnet mir die Vorstellung, dass Menschen ab einem bestimmten Alter grundsätzlich vorsichtiger investieren sollten.

Mit 40 darf man Aktien besitzen. Mit 60 sollte man langsam reduzieren. Und mit 70 gehört das Geld am besten aufs Festgeldkonto.

So einfach ist es allerdings nicht.

Ein 65-Jähriger, dessen Rente sämtliche Lebenshaltungskosten deckt und der sein Depot voraussichtlich erst in 15 Jahren benötigt, befindet sich in einer völlig anderen Situation als jemand im gleichen Alter, der monatlich 1.500 Euro aus seinem Vermögen entnehmen muss.

Beide sind gleich alt.

Aber ihre finanziellen Anforderungen unterscheiden sich erheblich.

Deshalb ist das Lebensalter allein für mich kein ausreichendes Kriterium, um über die richtige Geldanlage zu entscheiden.

Viel wichtiger sind andere Fragen:

Wann wird das Geld benötigt? Welche Ausgaben stehen bevor? Wie hoch sind die sicheren Einnahmen? Und wie viel Schwankung kann das Vermögen verkraften, ohne dass der gewünschte Lebensstandard darunter leidet?

Erst aus diesen Antworten ergibt sich eine sinnvolle Anlagestrategie.

Der häufigste Denkfehler: Sicherheit bedeutet, dass nichts schwanken darf

Gerade Menschen, die sich über Jahrzehnte ein größeres Vermögen aufgebaut haben, möchten verständlicherweise keine unnötigen Risiken mehr eingehen.

Schließlich hat man für dieses Geld lange gearbeitet.

Der Gedanke liegt deshalb nahe, einen möglichst großen Teil auf Tages- oder Festgeldkonten zu parken.

Dort gibt es keine täglichen Kursschwankungen. Der Kontostand bleibt übersichtlich. Und die Zinsen werden regelmäßig gutgeschrieben.

Das vermittelt Sicherheit.

Für kurzfristig benötigtes Geld ist diese Form der Anlage auch durchaus sinnvoll.

Aber was passiert mit dem Teil des Vermögens, der vielleicht erst in 15 oder 20 Jahren gebraucht wird?

Hier kommt ein Risiko ins Spiel, das häufig unterschätzt wird: der Kaufkraftverlust.

Bei einer durchschnittlichen Inflation von zwei Prozent verliert Geld innerhalb von 20 Jahren rund ein Drittel seiner heutigen Kaufkraft, wenn es nicht entsprechend wächst.

Aus 100.000 Euro werden auf dem Konto zwar nicht automatisch weniger Euro. Aber Sie können sich für diesen Betrag künftig weniger leisten.

Deshalb würde ich Sicherheit im Ruhestand niemals ausschließlich daran messen, ob der Kontostand schwankt.

Entscheidend ist, ob Ihr Vermögen auch in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren noch die Aufgaben erfüllen kann, die Sie ihm heute zugedacht haben.

Und dafür kann es durchaus sinnvoll sein, einen Teil langfristig in Aktien zu investieren.

Nicht, weil man im Ruhestand besonders mutig sein sollte.

Sondern weil auch ein zu großer Verzicht auf langfristige Renditechancen finanzielle Folgen haben kann.

450.000 Euro – aber nicht jeder Euro hat dieselbe Aufgabe

Kommen wir zu unserem Ehepaar zurück.

Die beiden verfügen über 450.000 Euro und möchten ihren Ruhestand genießen, ohne bei jeder größeren Ausgabe ein schlechtes Gewissen zu haben.

Was wäre nun eine vernünftige Vorgehensweise?

Ich würde zunächst nicht fragen, welcher Fonds oder welcher ETF gekauft werden sollte.

Stattdessen würde ich das Vermögen gedanklich in drei Bereiche aufteilen.

1. Liquidität: Geld, das jederzeit verfügbar sein soll

Der erste Bereich ist für kurzfristige Ausgaben und Unvorhergesehenes vorgesehen.

Vielleicht muss die Heizung erneuert werden. Vielleicht steht ein neues Auto an. Oder die beiden möchten eine größere Reise unternehmen.

Für solche Ausgaben sollte ausreichend Geld vorhanden sein, auf das jederzeit zugegriffen werden kann.

Tagesgeld kann dafür eine passende Lösung sein.

Dieser Teil des Vermögens muss keine besonders hohe Rendite erwirtschaften.

Seine Aufgabe ist eine andere: Er soll verfügbar sein, wenn er gebraucht wird.

2. Sicherheit: Geld für die kommenden Jahre

Der zweite Bereich dient dazu, planbare Ausgaben und mögliche Entnahmen über einen längeren Zeitraum abzusichern.

Hier können beispielsweise qualitativ hochwertige Anleihen mit passenden Laufzeiten eine Rolle spielen.

Wichtig ist dabei, dass auch Anleihen Risiken haben. Ihre Kurse können schwanken, und je nach Emittent besteht ein Ausfallrisiko.

Entscheidend ist deshalb nicht allein, dass eine Anlage als sicher bezeichnet wird, sondern ob ihre Eigenschaften zu den geplanten Ausgaben passen.

Dieser Bereich soll vor allem verhindern, dass langfristige Anlagen zu einem ungünstigen Zeitpunkt verkauft werden müssen.

3. Wachstum: Geld, das langfristig investiert bleiben kann

Und dann gibt es den Teil des Vermögens, der voraussichtlich viele Jahre nicht benötigt wird.

Für diesen Bereich können breit gestreute Aktien-ETFs eine sinnvolle Möglichkeit sein.

Aktienmärkte schwanken. Auch deutliche und länger anhaltende Kursverluste gehören dazu.

Wer aber über einen ausreichend langen Anlagehorizont verfügt und diese Schwankungen finanziell wie emotional tragen kann, hat die Chance, langfristig am Wachstum der Unternehmen teilzuhaben.

Gerade im Ruhestand kann das wichtig sein.

Denn mit 65 endet die finanzielle Planung nicht. Im Gegenteil: Sie kann sich noch über mehrere Jahrzehnte erstrecken.

Die Kunst besteht darin, diese drei Bereiche so aufeinander abzustimmen, dass sie gemeinsam funktionieren.

Nicht jeder Mensch braucht dieselbe Aufteilung. Und nicht jede dieser Aufgaben muss zwingend durch ein separates Konto oder Depot erfüllt werden.

Aber die Unterscheidung hilft, das Vermögen nicht länger als einen einzigen großen Geldbetrag zu betrachten.

Warum eine falsche Entnahmeplanung teuer werden kann

Ein Punkt wird bei der Geldanlage im Ruhestand besonders häufig unterschätzt.

Es macht einen erheblichen Unterschied, ob Sie regelmäßig Geld einzahlen oder regelmäßig Geld entnehmen.

Während der Ansparphase können fallende Aktienkurse sogar Vorteile haben. Wer weiterhin investiert, kauft zu niedrigeren Preisen zusätzliche Anteile.

Im Ruhestand kann sich die Situation umkehren.

Nehmen wir an, unser Ehepaar möchte monatlich 1.500 Euro aus dem Vermögen entnehmen.

Das entspricht 18.000 Euro im Jahr.

Wenn nun das gesamte Vermögen in Aktien investiert wäre und die Börse gleich zu Beginn des Ruhestands deutlich fällt, müssten möglicherweise Wertpapiere mit Verlust verkauft werden, um die geplanten Ausgaben zu finanzieren.

Das Problem ist nicht allein der Kursverlust.

Das Problem ist, dass die verkauften Anteile an einer späteren Erholung nicht mehr teilnehmen können.

Deshalb kann die Reihenfolge guter und schlechter Börsenjahre für Menschen mit regelmäßigen Entnahmen erhebliche Auswirkungen haben.

Eine gut durchdachte Vermögensstruktur kann helfen, solche Situationen abzufedern.

Sie beseitigt das Risiko nicht vollständig. Aber sie kann dafür sorgen, dass kurzfristige Ausgaben nicht unmittelbar von den aktuellen Aktienkursen abhängen.

Und genau das ist für mich ein wichtiger Bestandteil finanzieller Sicherheit im Ruhestand.

Wie viel Aktien sollte man mit 60 oder 65 noch besitzen?

Diese Frage wird mir häufig gestellt.

Und ich weiß, dass sich viele Menschen eine einfache Antwort wünschen.

Vielleicht 30 Prozent? Oder 50 Prozent? Sind 60 Prozent Aktien mit 65 Jahren schon zu viel?

Die Antwort hängt weniger vom Alter als von der persönlichen Situation ab.

Wer über hohe, verlässliche Renteneinkünfte verfügt, keine größeren Entnahmen benötigt und einen langen Anlagehorizont hat, kann unter Umständen einen höheren Aktienanteil tragen.

Wer dagegen regelmäßig größere Beträge entnehmen muss oder bereits bei überschaubaren Kursverlusten unruhig schläft, benötigt möglicherweise eine andere Aufteilung.

Eine feste Aktienquote für alle Menschen ab 60 halte ich deshalb nicht für sinnvoll.

Viel wichtiger ist, dass die gewählte Aufteilung auch dann noch zum Leben passt, wenn die Börsen einmal mehrere Jahre enttäuschen.

Denn eine Anlagestrategie, die nur in guten Börsenzeiten funktioniert, ist für den Ruhestand keine besonders verlässliche Grundlage.

Das Vermögen soll nicht nur erhalten bleiben. Es soll Ihnen auch etwas ermöglichen.

Bei allen Überlegungen zu Sicherheit, Inflation und Aktienquoten gerät ein Punkt manchmal in den Hintergrund.

Sie haben Ihr Vermögen schließlich nicht nur aufgebaut, um später einen möglichst hohen Kontostand zu besitzen.

Vielleicht möchten Sie mehr reisen. Ihren Kindern oder Enkeln etwas ermöglichen. Weniger arbeiten. Oder einfach die Freiheit genießen, sich über Geld nicht ständig Gedanken machen zu müssen.

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen über Jahrzehnte sehr diszipliniert sparen konnten, sich mit dem Ausgeben aber deutlich schwerer tun.

Jede größere Entnahme fühlt sich zunächst an, als würde man etwas von der eigenen Sicherheit wegnehmen.

Dabei wurde das Vermögen häufig genau für diese Lebensphase aufgebaut.

Deshalb gehört für mich zu einer guten Ruhestandsplanung nicht nur die Frage, wie das Geld angelegt werden soll.

Sondern auch:

Wie viel können Sie sich eigentlich leisten, ohne Ihre langfristige finanzielle Sicherheit unnötig zu gefährden?

Wer darauf eine nachvollziehbare Antwort hat, kann seinen Ruhestand häufig wesentlich entspannter genießen.

Nicht weil plötzlich jedes Risiko verschwunden wäre.

Sondern weil finanzielle Entscheidungen auf einer klaren Grundlage getroffen werden.

Geldanlage im Ruhestand: Warum der Blick auf das gesamte Vermögen entscheidend ist

Bevor Sie größere Veränderungen an Ihrem Depot vornehmen, lohnt sich ein Blick auf Ihre gesamte finanzielle Situation.

Dazu gehören nicht nur Wertpapiere und Bankguthaben.

Auch gesetzliche und betriebliche Renten, Immobilien, bestehende Versicherungen, mögliche größere Ausgaben und familiäre Verpflichtungen spielen eine Rolle.

Erst das Zusammenspiel dieser Faktoren zeigt, welche Risiken Sie tatsächlich tragen können und welche Erträge oder Entnahmen Sie benötigen.

Wer beispielsweise bereits über ausreichend sichere Einnahmen verfügt, muss mit seinem Depot andere Aufgaben erfüllen als jemand, der einen erheblichen Teil seines Lebensunterhalts aus dem Vermögen finanziert.

Auf meiner Website erläutere ich ausführlicher, wie ich an die Geldanlage und Vermögensplanung auf Honorarbasis herangehe und welche Überlegungen bei der Planung des Ruhestands eine Rolle spielen.

Ergänzend: Geldanlage im Ruhestand auf YouTube

Viele dieser Fragen greife ich auch auf meinem YouTube-Kanal auf. Dort erkläre ich anhand konkreter Beispiele, wie sich Vermögen für den Ruhestand strukturieren lässt, welche Risiken häufig übersehen werden und warum die passende Geldanlage nicht allein von der erwarteten Rendite abhängt.

Hier finden Sie weitere Infos zu meinem kleinem Kanal

Mein Fazit: Die beste Geldanlage ab 60 beginnt nicht mit einem Produkt

Wenn Sie 60 oder 65 Jahre alt sind und über ein größeres Vermögen verfügen, haben Sie sich wahrscheinlich über viele Jahre eine gute finanzielle Ausgangslage erarbeitet.

Nun geht es darum, dieses Vermögen sinnvoll durch die kommenden Jahrzehnte zu begleiten.

Dafür braucht es weder die Jagd nach der höchsten Rendite noch die vollständige Flucht in vermeintlich sichere Geldanlagen.

Es braucht eine vernünftige Aufteilung, einen Plan für mögliche Entnahmen und ein Verständnis dafür, welche Aufgabe die einzelnen Teile Ihres Vermögens erfüllen sollen.

Das Ziel ist nicht, jede Kursschwankung zu vermeiden.

Das Ziel ist, dass Ihr Vermögen zu dem Leben passt, das Sie sich für Ihren Ruhestand vorgestellt haben.

Damit Sie Ihre finanziellen Entscheidungen nicht ständig hinterfragen müssen.

Und damit Geld im Ruhestand möglichst kein Sorgen-Thema mehr ist.

 

Über den Autor

Dominik Schwiese ist Honorar-Anlageberater in Freiburg im Breisgau und auf die Geldanlage und Vermögensplanung für Menschen vor und im Ruhestand spezialisiert. Er berät auf Honorarbasis, ohne Produktprovisionen, und begleitet seine Mandanten dabei, größere Vermögen sinnvoll zu strukturieren und langfristige finanzielle Entscheidungen zu treffen.

Dominik Schwiese
Versicherungsberater, Vermögensberater, Honorar-Anlageberater
bei Dominik Schwiese - Geldanlage & Finanzplanung in Freiburg im Breisgau