Wenn die Lebensversicherung fällig wird: Was tun mit 200.000 oder 300.000 Euro?

Ein Fachbeitrag von Dominik Schwiese

Viele Jahre war die Lebensversicherung einfach da.

Der Beitrag wurde Monat für Monat abgebucht. Einmal im Jahr kam die Standmitteilung. Man hat sie vielleicht kurz angeschaut, abgeheftet und sich wieder anderen Dingen gewidmet.

Und dann kommt irgendwann der Brief:

Ihre Lebensversicherung wird fällig.

Vielleicht werden 180.000 Euro ausgezahlt. Vielleicht 250.000 Euro. Vielleicht sind es auch 300.000 Euro oder mehr.

Was über Jahrzehnte gebunden war, steht auf einmal als frei verfügbares Vermögen auf dem Konto.

Und damit beginnt für viele Menschen kurz vor oder im Ruhestand eine Situation, die sie so noch nie erlebt haben.

Denn die eigentliche Frage lautet jetzt nicht mehr:

Wie spare ich für später?

Sondern:

Was mache ich mit diesem Geld, damit es zu meinem Ruhestand passt?

Sie müssen nicht sofort entscheiden

Eine der häufigsten Sorgen nach einer größeren Auszahlung ist, dass das Geld möglichst schnell wieder angelegt werden müsse.

Das ist verständlich.

Ein sechsstelliger Betrag auf dem Giro- oder Tagesgeldkonto fühlt sich ungewohnt an. Gleichzeitig kommen häufig bereits die ersten Vorschläge von Banken oder Versicherungen.

Trotzdem halte ich es für sinnvoll, zunächst nichts zu überstürzen.

Ob 200.000 oder 300.000 Euro für zehn Jahre, zwanzig Jahre oder möglicherweise für den Rest des Lebens reichen sollen, lässt sich nicht mit der Frage beantworten, welches Produkt gerade die höchste Verzinsung bietet.

Zuerst muss klar sein:

Welche Aufgabe soll dieses Geld in Ihrem Leben übernehmen?

Mit 65 gelten andere Regeln als mit 35

Wer mit 35 Jahren Geld anlegt, hat häufig ein recht einfaches Ziel: Vermögen aufbauen.

Mit Anfang oder Mitte 60 sieht die Situation anders aus.

Vielleicht beginnt in zwei Jahren der Ruhestand. Die gesetzliche Rente und eine Betriebsrente decken einen großen Teil der laufenden Kosten – aber eben nicht alles.

Vielleicht möchten Sie künftig zusätzlich 1.000 Euro im Monat aus Ihrem Vermögen entnehmen.

Vielleicht steht in den nächsten Jahren noch ein größeres Auto an. Eine Reise, die Sie schon lange machen wollten. Oder eine Renovierung am Haus.

Gleichzeitig soll ein Teil des Vermögens langfristig erhalten bleiben oder später an die Kinder weitergegeben werden.

Plötzlich muss dasselbe Vermögen mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen.

Genau deshalb halte ich wenig davon, die komplette Auszahlung einfach in eine neue Geldanlage zu stecken.

300.000 Euro sind nicht einfach 300.000 Euro

Nehmen wir ein Ehepaar Mitte 60.

Die Lebensversicherung wird ausgezahlt und 300.000 Euro stehen zur Verfügung.

Auf den ersten Blick könnte man fragen:

Wo legen wir die 300.000 Euro jetzt an?

Ich würde eine andere Frage stellen:

Wann brauchen Sie welchen Teil dieser 300.000 Euro?

Das verändert die Betrachtung.

Vielleicht sollen 40.000 Euro jederzeit verfügbar bleiben.

Ein weiterer Teil des Vermögens wird möglicherweise in den kommenden Jahren benötigt und sollte deshalb nicht davon abhängig sein, ob die Aktienmärkte gerade gut oder schlecht laufen.

Und dann gibt es vielleicht 100.000 oder 150.000 Euro, die voraussichtlich zehn, fünfzehn oder sogar zwanzig Jahre nicht benötigt werden.

Warum sollte dieser langfristige Teil genauso angelegt werden wie das Geld, das möglicherweise schon in zwei Jahren gebraucht wird?

Genau hier beginnt für mich eine vernünftige Ruhestandsplanung.

Nicht mit einem Produkt.

Sondern mit Zeit, Sicherheit und der Frage, wofür das Geld eigentlich da ist.

Der Wunsch nach Sicherheit kann ebenfalls zum Problem werden

Gerade nach einer fälligen Lebensversicherung erlebe ich häufig einen verständlichen Gedanken:

„Das Geld darf jetzt auf keinen Fall mehr verloren gehen.“

Also bleibt es auf Tages- oder Festgeldkonten liegen.

Für eine kurzfristige Reserve kann das vollkommen sinnvoll sein.

Schwieriger wird es, wenn dort dauerhaft das gesamte Vermögen liegt.

Wer heute Anfang oder Mitte 60 ist, plant schließlich nicht für drei oder fünf Jahre. Das Geld muss möglicherweise noch 20 oder 30 Jahre seinen Zweck erfüllen.

In dieser Zeit spielt nicht nur die Sicherheit vor Kursschwankungen eine Rolle. Auch Inflation und der damit verbundene Kaufkraftverlust müssen berücksichtigt werden.

Deshalb bedeutet Sicherheit im Ruhestand für mich nicht, dass ein Vermögen niemals schwanken darf.

Sicherheit bedeutet vielmehr, dass Ihr Leben nicht davon abhängig sein sollte, was gerade an der Börse passiert.

Wenn die Aktienmärkte ein schlechtes Jahr haben, sollte deshalb nicht plötzlich die geplante Reise, das neue Auto oder die monatliche Entnahme infrage stehen.

Aber auch 100 Prozent Aktien sind nicht die Antwort

Das andere Extrem halte ich genauso wenig für sinnvoll.

Nur weil Aktien langfristig höhere Renditechancen bieten, gehört nicht automatisch die komplette Auszahlung einer Lebensversicherung in ein Aktien- oder ETF-Depot.

Stellen Sie sich vor, Sie investieren 300.000 Euro vollständig am Aktienmarkt.

Kurz darauf fallen die Kurse deutlich.

Für einen 35-Jährigen, der dieses Geld die nächsten 25 Jahre nicht benötigt, ist das zunächst unangenehm.

Für einen Ruheständler, der bereits regelmäßig Geld aus diesem Vermögen entnimmt, entsteht ein anderes Problem.

Er muss möglicherweise genau dann Vermögenswerte verkaufen, wenn deren Kurse gefallen sind.

Deshalb sollte die Frage nicht lauten:

Tagesgeld oder ETF?

Sondern:

Welcher Teil meines Vermögens braucht welche Form von Sicherheit und welchen Anlagehorizont?

Erst das Leben planen, dann das Geld

Bevor ich über eine konkrete Anlage nachdenken würde, würde ich mir fünf Fragen beantworten:

Wie viel Geld benötige ich als jederzeit verfügbare Reserve?

Welche größeren Ausgaben sind in den kommenden fünf Jahren absehbar?

Wie hoch sind meine sicheren monatlichen Einnahmen im Ruhestand?

Wie viel möchte ich zusätzlich aus meinem Vermögen entnehmen?

Welcher Teil des Geldes wird voraussichtlich zehn Jahre oder länger nicht benötigt?

Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich vernünftig über die Aufteilung des Vermögens sprechen.

Das klingt vielleicht weniger spektakulär als die Suche nach der besten Geldanlage.

In der Praxis ist es aber häufig genau das, was Menschen im Ruhestand Sicherheit gibt.

Sie wissen anschließend nicht nur, wo ihr Geld liegt.

Sie wissen vor allem, warum es dort liegt.

Wer gerade vor dieser Entscheidung steht, findet auf meiner Seite zur Auszahlung einer fälligen Lebensversicherung weitere Informationen dazu, welche Fragen vor einer Neuanlage geklärt werden sollten.

Die Auszahlung gehört zum Gesamtvermögen

Ein weiterer Punkt wird häufig unterschätzt.

Die Lebensversicherung sollte nicht isoliert betrachtet werden.

Vielleicht haben Sie bereits ein Wertpapierdepot. Dazu kommen Tages- und Festgelder, eine selbst genutzte Immobilie oder weitere Versicherungsverträge.

Auf der anderen Seite stehen gesetzliche Rente, Betriebsrente oder andere regelmäßige Einnahmen.

Wenn nun beispielsweise 250.000 Euro aus einer Lebensversicherung dazukommen, entsteht nicht einfach eine neue Geldanlage.

Ihre gesamte Vermögensstruktur verändert sich.

Deshalb würde ich zunächst das vorhandene Vermögen auf einen Tisch legen und anschließend entscheiden, welche Aufgabe die neue Liquidität darin übernehmen soll.

Manchmal stellt man dabei beispielsweise fest, dass bereits sehr viel Sicherheit vorhanden ist.

In einem anderen Fall fehlen gerade die Reserven, die später regelmäßige Entnahmen unabhängig von den Aktienmärkten ermöglichen sollen.

Die gleiche Auszahlung kann deshalb bei zwei Menschen im gleichen Alter zu vollkommen unterschiedlichen Entscheidungen führen.

Vorsicht vor der schnellen Anschlusslösung

Nach einer Auszahlung wirkt es häufig bequem, direkt das nächste Produkt abzuschließen.

Das Geld kommt aus einer Versicherung – und landet anschließend wieder in einer Versicherung.

Oder die Hausbank schlägt einen Fonds, ein Depot oder eine Vermögensverwaltung vor.

Das muss nicht automatisch falsch sein.

Ich würde mir vor einer Entscheidung aber eine einfache Frage stellen:

Würde ich diese Lösung auch wählen, wenn mir niemand gerade dieses konkrete Produkt angeboten hätte?

Denn mit der Auszahlung endet ein Vertrag, der Sie möglicherweise 20 oder 30 Jahre begleitet hat.

Das ist eine seltene Gelegenheit, die eigene finanzielle Situation noch einmal grundsätzlich neu zu ordnen.

Diese Gelegenheit würde ich nicht dadurch verschenken, dass innerhalb weniger Tage einfach der nächste langfristige Vertrag abgeschlossen wird.

Was am Ende wirklich Sicherheit gibt

Menschen, die kurz vor oder bereits im Ruhestand stehen, suchen selten die maximale Rendite.

Meistens beschäftigen sie ganz andere Fragen:

Reicht mein Geld?

Wie viel kann ich mir im Ruhestand leisten?

Was passiert, wenn die Börse ein schlechtes Jahr hat?

Kann ich trotzdem regelmäßig Geld aus meinem Vermögen entnehmen?

Und manchmal auch ganz schlicht:

Mache ich gerade einen Fehler, den ich später nicht mehr korrigieren kann?

Genau deshalb ist die Auszahlung einer Lebensversicherung für mich kein reines Anlagethema.

Es ist der Moment, an dem aus jahrzehntelangem Sparen verfügbares Vermögen wird.

Dieses Vermögen soll jetzt nicht mehr nur wachsen.

Es soll Ihnen dienen.

Es soll Ausgaben ermöglichen, Sicherheit schaffen, die Rente ergänzen und – wenn Sie es möchten – später noch etwas für die nächste Generation übrig lassen.

Wenn diese Aufgaben sauber voneinander getrennt sind, wird auch die Frage nach der richtigen Geldanlage wesentlich einfacher.

Denn dann suchen Sie nicht mehr nach der einen besten Anlage für 300.000 Euro.

Sie bauen eine Vermögensstruktur für die nächsten 20 oder 30 Jahre.

Und das ist kurz vor oder im Ruhestand die wesentlich wichtigere Entscheidung.

Über den Autor

Dominik Schwiese ist Honorar-Anlageberater in Freiburg und begleitet insbesondere Menschen ab 55 dabei, ihr Vermögen für den Ruhestand zu strukturieren. Die Beratung erfolgt auf Honorarbasis und ohne Produktprovisionen.

Dominik Schwiese
Versicherungsberater, Vermögensberater, Honorar-Anlageberater
bei Dominik Schwiese - Geldanlage & Finanzplanung in Freiburg im Breisgau